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Donnerstag, 02. Oktober 2008

BRD

Drei Tage ist es inzwischen her, dass die Nationalratswahlen in Österreich zu Ende gegangen sind. Noch sind nicht alle Wahlkarten ausgezählt, aber doch ist klar: das Ergebnis ist katastrophal. Fast 60 Prozent der Österreicher gaben europakritischen Demagogen ihre Stimme, und etwa die Hälfte davon nahm dafür in Kauf, eine Partei zu wählen, die eine menschenverachtende und ausländerfeindliche Politik verfolgt.

Und genau da sitzt auch das österreichische Dilemma: der Aufschrei in den Medien, die Österreicher seien rechtsradikal, stimmt nur bedingt. Es wäre verfehlt, allen Wählern von FPÖ und BZÖ eine rechtsradikale Gesinnung zu unterstellen. Was vielmehr stimmt, ist, dass ein Großteil der Österreicher blind den Rattenfängern folgt, ohne zu hinterfragen, welchen politischen Geist sie mit ihrer Stimme für die rechten Parteien eigentlich unterstützen. Oder viel schlimmer, sie nehmen es sehenden Auges in Kauf. Das zeugt von einem mangelnden politischen und historischen Bewusstsein in diesem Land. Das zeugt davon, dass man in diesem Land eine menschenverachtende Politik in Kauf nimmt, nur um den Regierungsparteien eins auszuwischen. Das zeugt schließlich von einer ausgeprägten Misanthropie der Österreicher.

Nicht überraschend aber ebenso traurig ist letztlich auch der hohe Stimmenanteil für die SPÖ, eine Partei, die bei den rechten Rattenfängern gelernt hat und noch nicht mal davor zurückschreckt, zur Maximierung der Wählerstimmen eine Koalition mit dem Boulevard einzugehen und dafür ihre europäische Überzeugung über Bord wirft. Platter kann Politik nicht mehr stattfinden.

Traurig auch, dass es für anders denkende Menschen in diesem Land keinen Platz gibt. Gerade mal etwa 12 Prozent haben die liberal gesinnten Parteien erreicht. Dass die Grünen sogar leichte Verluste hinnehmen mussten, wird wohl noch einiges an Diskussion nach sich ziehen. Es ist nur zu hoffen, dass auch die Grünen endlich beginnen darüber nachzudenken, was in Ihrer Partei falsch läuft. Es steht jedoch zu befürchten, dass am Ende des Diskussionsprozesses noch mehr Polarisierung steht, als es jetzt schon zuviel in der Partei gibt. Wie es mit den Grünen weitergehen soll steht zudem in den Sternen. Es ist nicht anzunehmen, dass Alexander van der Bellen nochmals eine Wahl schlagen wird. Doch wer kommt danach? Ich denke, dass er ein Garant für runde 10 Prozent der Wählerstimmen war. Ob die Grünen diese aber ohne van der Bellen werden halten können, muss sich weisen. Eine nicht unbeträchtliche Abwanderung ihrer Wähler in das Lager der Nichtwähler sollte zu denken geben.

Für mich, als liberal denkenden Menschen, war die größte Enttäuschung des Wahlabends aber das katastrophal schlechte Abschneiden des Liberalen Forums. Eine Wahrheit in diesem Land, die mich nur traurig stimmen kann. Österreich hatte die letzte Chance einer Frau wie Heide Schmidt wieder politisches Gewicht zu verleihen. Einer Frau, die für eine politische Kultur steht, die in diesem Land schon zu einer Mangelerscheinung geworden ist und mit dieser vertanen Chance wohl endgültig vom Verschwinden bedroht ist. Es ist nicht gelungen, einer Partei eine parlamentarische Stimme zu verleihen, die eine menschenfreundliche Politik verfolgt, die für die Selbstverantwortung des Einzelnen, für die Mündigkeit der Bürger steht. Liberalismus scheint in diesem Land wohl keinen Platz zu haben. Das ist traurig. Ich will in einem solchen Land nicht mehr leben und ich will in einem solchen Land, in dem bei zukünftigen Wahlen kein Kreuz mehr bei einer liberalen Partei zu machen sein wird, auch nicht mehr wählen. Nicht ohne Grund lebe ich bereits seit zweieinhalb Jahren in meiner Wahlheimat Deutschland. Bei den Wahlen zum Europaparlament nächstes Jahr will ich auch hier meine Stimme abgeben.

Frau Heide Schmidt ist nur tiefster Dank für Ihr Engagement für Österreich auszusprechen. Die Österreicher haben ihr Angebot nicht angenommen. Was sie damit ausgeschlagen haben, werden sie wohl noch teuer zu stehen bekommen. Das ist bedauerlich. Ich bin traurig.