Der eidgenössische Irrtum

Blaue Moschee

Mit etwas Überraschung und deutlicher Bestürzung nehme ich das Votum der Schweizer zum Minarett-Verbot zur Kenntnis. Es ist ein Zeugnis der Dummheit, ein Zeugnis der Engstirnigkeit und ein Zeugnis der Erkenntnis, dass die Errungenschaften der Aufklärung in einer Rückentwicklung ins Mystische begriffen sind.

Wir müssen uns nichts vormachen: hier geht es nicht um eine bauliche Vorschrift. Das ist die Speerspitze eine Kulturkampfes des christlich geprägten Europas gehen den „Islam“. Aber was soll das denn sein, „der Islam“? Wir müssten nicht erst unsere Schulliteratur zitieren, Lessing, Nathan und dessen Ringparabel, doch nirgendwo sonst liegt so präsent die eigentliche Antwort:

„Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder
Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst
Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich; – [...]
Fast so unerweislich, als
Uns itzt – der rechte Glaube.“

Der zuhilfe gerufene Richter urteilt weise:

„Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hülf’! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen.“

Es ist doch auch der Islam der Weltregionen eine, die neben vielen eines eint: der Glaube an Gott. Und genauso, wie die Kirchtürme weit sichtbar auf ein Gotteshaus verweisen, so tun es es die Minarette. Was soll also das Problem daran sein, seinen Glauben auf seine eigene Art und Weise zu zeigen. Wie sagte schon der große Fritz?: alle Religionen Seindt gleich und guth wan nuhr die leüte so sie profesiren Erliche leüte seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land Pöbliren, so wollen wir sie Mosqueen und Kirchen bauen.“ Denn: „Die Religionen Müßen alle Tolleriret werden und Mus der Fiscal nuhr das auge darauf haben das keine der anderen abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Faßon Selich werden.“ Man sollte meinen, die jüngeren Aussagen wären die toleranteren.

Worum es hier geht, ist aber in Wirklichkeit gar nicht die Religion der anderen. Es geht nicht um die Minarette. Es geht um ein diffuses Unbehagen, es geht um eine weit von jedem Aufklärerischen entfernte Dummheit, und es geht letztlich – nennen wir es doch beim Namen: um Rassismus. Dabei sind die Gründe schwer zu verstehen: Es geht uns gut, wie lange nicht, wir sind reich, wie lange nicht, und haben eigentlich keinen Grund irgend jemanden zum Sündenbock für irgend etwas zu machen. Wofür denn auch? Es herrscht, genährt von den Terroranschlägen des 11. September, eine gewisse Angst vor islamistischer Gewalt. Und diese Angst nimmt alle in Sippenhaftung, die islamischen Glaubens sind. Doch das ist der Fehler! Islamisten sind Gewalttäter, die sich zur Rechtfertigung ihrer Taten auf den Koran berufen. Das wäre genauso, wie wenn man sich zur Verteidigung eines Rachemords auf das Alte Testament berufen würden. Doch so wie letzteres nicht christlich ist, ist ersteres nicht islamisch.

In der Diskussion wird zur Rechtfertigung des „Ja“ zum Minarett-Verbot vieles präsentiert, was mit dem Minarettbau an sich nichts zu tun hat: Unterdrückung der Frau, Genitalverstümmelung, Rachemorde und so weiter. Doch dürfen wir eines nicht vergessen: gegen all das haben wir ein wirksames, rechtsstaatliches Mittel: unser Grundgesetz. Das reicht voll und ganz aus, um Unrecht – unabhängig davon, welcher Religion sein Täter angehört – zu ahnden. Ein Einschnitt der Religionsfreiheit ist dazu kein probates Mittel.

Wir Europäer rühmen uns so gerne mit einem zentralen Gut unserer Gesellschaft: der Freiheit. Doch sollten wir nicht vergessen, dass die Freiheit unserer Gesellschaft bei der Freiheit des Einzelnen beginnt. Diese müssen wir garantieren, dafür müssen wir kämpfen, und dafür müssen wir vor allem eines: mit gutem Vorbild voran gehen. Unbestritten gibt es eine Menge – auch islamisch geprägter – Staaten, in denen die Freiheit der Bevölkerung stark eingeschränkt ist, wo sich der Staat auf die Religion beruft, um seine Repressionen zu rechtfertigen. Aber gerade jenen müssen wir, die wir in laizistischen Staaten (wie es übrigens auch die Türkei einer ist) leben, zeigen dass es eine Alternative gibt, dass nur eine offene Gesellschaft ein friedliches Zusammenleben garantiert. Das Rezept kann nur heißen, offen auf unsere islamischen, jüdischen, christlichen (oder welcher Identität auch immer sie sich zugehörig fühlen) Brüder und Schwestern zuzugehen, den Dialog zu führen, und nicht selbst Intoleranz zu leben. Das Schweizer Votum hat uns dabei einen Bärendienst erwiesen.

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