Die Stunde Null
02. Juni 2010
Durch die Medien geistert – und kaum eine Meldung verdient diesen Ausdruck mehr – die Nachricht von der zurecht international lautstark kritisierten Militäraktion Israels gegen die Hilfsflotte für Gaza; und bringt damit – wieder einmal – einen Konflikt in die obersten Schlagzeilen, der seit Ende des Zweiten Weltkriegs den Nahen Osten bestimmt. So festgefahren scheint die Situation, dass an eine baldige Befriedung der Region nicht zu denken ist. Dabei wäre es so einfach, wenn beide Seiten Ihre Engstirnigkeit zugunsten eines Weitblicks beenden würden, und ihre rassistische und provozierende Apartheitspolitik beenden würden.
Man kann lamentieren, alles hätte so einfach sein können und die Menschen der Region könnten seit Jahren in Frieden leben, wäre der UN-Teilungsplan von 1947 von beiden Seiten anerkannt und auch international verfolgt worden. Doch die Geschichte und all die Geschehnisse seither sind nicht mehr rückgängig zu machen. Es ergibt somit keinen Sinn, gegenseitige Schuldzuweisungen zu betreiben und diese als Hindernis für einen Friedensprozess zu betrachten. So schwer es politisch durchsetzbar sein wird, so notwendig wird es dazu aber sein, dass Israel die Grenzen von vor 1967 anerkennt, die jüdischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet räumt und den Palästinensern eine autonome Staatsgründung gestattet. Und dabei wohl eine Teilung Jerusalems akzeptieren muss.
Wir, die wir die Teilung Deutschlands, und die Mauer, die quer durch Berlin ging, noch so plastisch vor Augen haben, kann eine solche Lösung aber dennoch nur Schmerzen im Herzen verursachen. Die wahre Vision wäre wohl eine wirkliche Stunde Null. Ein Strich unter all das Leid und all die Agressionen der vergangenen 65 Jahre und eine Gründung eines gemeinsamen föderalen Staates, in dem alle Menschen ungeachtet ihrer religiösen Wurzeln und Überzeugungen gemeinsam leben können und gemeinsam das Schicksal des Staates gestalten können: Ein Staat, der seine Existenzberechtigung nicht im Glauben seiner Bürger verankert, ein Staat, der Menschen anderen Glaubens nicht als rechtlose Bürger zweiter Klasse behandelt, ein Staat, der eine Vorreiterrolle spielen könnte, indem er zeigt, dass Araber und Juden und alle Menschen, die in diesem Staat leben wollen, ohne gegenseitige Ressentiments miteinander in Frieden koexistieren können.
Doch ich sehe schon, ich träume. Doch sind es nicht Träume, die das letzte Menschenrecht sind?




